Sie setzte sich auf die Sommerwiese. Rundherum nichts als Gipfel. Vier Stunden war sie aufwärts gewandert, die letzten Bäume hatte sie schon lange hinter sich gelassen. Sie war schnell gelaufen. Sie hatte gehadert. Mit Gott gehadert. Wegen nichts eigentlich. Wegen einer Kleinigkeit. Wegen einem Mann, um genau zu sein. Ein Mann, den sie gestern Abend hatte küssen wollen, aber er wollte nicht.
Sie haderte also mit Gott, der ihr nicht einmal diesen einen Wunsch erfüllen konnte, der ihr überhaupt nie einen Wunsch erfüllt hatte, wenn sie es genau nahm.
Und dann, plötzlich, plötzlich, ganz plötzlich war er weg. Plötzlich redete sie nicht mehr mit einem Gegenüber, sondern sie redete vor sich hin, zu sich, mit sich selbst, ganz allein.
Sie hatte ihren Schritt verlangsamt, sie hatte sich umgedreht. Hinter ihr waren nichts als Berggipfel, die in diesem Augenblick in den Himmel zu wachsen schienen, Wiesen, die sich ewig abwärts zogen, ein Himmel, der vor ihr wegrückte. Sie wurde immer kleiner in der Landschaft.
Und so setzte sie sich hin. Verlor sich in der grossen Wiese.
Sie hatte schon früher an Gott gezweifelt. Sich über den alten Mann mit dem Rauschebart lustig gemacht. Was für ein Bild. Warum gerade dieses Bild.
Aber das hier war anders. Gott war weg. Seine Gewissheit war weg. Sie schaute um sich. Schliesslich sollte Gott überall sein. In jedem Stein, in jeder Blume, in jedem Wassertropfen. Und vielleicht war er das ja auch, aber der Stein sah einfach aus wie ein Stein, die Blume wie eine Blume und der Wassertropfen fiel zwischen das niedrige Gras und verschwand. Und dann war da – nichts.
Sie schloss die Augen, aber auch da war – nichts.
Als sie sie wieder öffnete, schien ihr die Umgebung noch grösser und sie schien noch kleiner. So klein, dass sie nicht sicher war, ob sie aufstehen konnte.
Und eben als das Nichts auf sie einstürzen wollte, pfiff in der Nähe ein Murmeltier. Nicht laut und nur einmal, aber das genügte, das Gott und die Welt zu ihr zurückkehrten, auf sie einfluteten und mit einem Mal war sie wieder eins mit der Umgebung, die Berge schrumpften auf ihre normale, grossartige Grösse und die Wiese unter ihren Füssen füllte sich mit Leben.
Gott ist ein Murmeltier, dachte sie. Dankbar kehrte sie um und machte sich auf den Heimweg. Ich werde einen anderen Mann küssen, dachte sie. Und freute sich, als sie die ersten Tannenwipfel sah.
„Gott ist ein Murmeltier“ wäre ein super Titel für ein Buch.
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