Frau Frische

Natürlich gab es jetzt den Osten. Der Osten im Westen, das weite Land, die Seen. Das war gut so. Vor allem aber den Osten der Stadt. Die Nachbarn beschrieben manchmal, wie es war, da, wo die Strassenbahnen fuhren, da, wo abends all das Licht war und daneben all die alten Häuser. Platz war da und Leben.

Frau Frische würde nie in den Osten gehen. Dreissig Jahre war es her, seit sie die Bilder im Fernsehen gesehen hatte. Sie hatte den Mauerfall im Fernsehen gesehen, sie hatte die ganze Geschichte im Fernsehen gesehen, die jubelnden Menschen, die Diskussionen, die Politik, die Vereinigung, sie hatte die jungen Menschen gesehen, die da siedelten und die Bauten, die gebaut wurden. Alles fand in ihrem Fernsehen statt.

Es fand auch irgendwo da draussen statt, nicht weit von ihrer Strasse, ihrem Park, ihren Läden, aber noch nie hatte Frau Frische das Verlangen gespürt, über die Grenze zu treten, die jetzt ja keine Grenze mehr war, sondern einfach der Anfang der Strassenbahngeleise.

Es fiel nicht auf, dass Frau Frische den Osten mied. Ganz normal war es in dieser Stadt, sich in seinem eigenen, kleinen Viertel zu bewegen. In seinem Kiez, wie sie sagten. Nur die Touristen, die schon bald scharenweise kamen, wussten nichts von einem Zuhause. Kreuz und quer gondelten sie durch die Stadt, sahen sich hier etwas an, gingen da etwas essen. Anders die Bewohner. Selten kam es vor, dass man quer durch die Stadt fuhr. Ausser man wollte etwas, ausser man ging Essen oder ins Kino irgendwo. Die meisten ihrer Freunde gingen manchmal hinüber, aber es schien nie aufzufallen, dass sie immer eine Bar, ein Café oder eine Ausstellung im Westen vorschlug.

Frau Frische war nicht politisch. Das war sie nie gewesen. Wenn es solche Dinge gab, wie eine Stadt durch eine Mauer zu teilen, dann konnte es keine Logik geben in der Politik. Und keinen Sinn. Warum also sollte sie die Zeit mit etwas Sinnlosem vergeuden.

Es war nur so, dass sie die Bilder im Fernsehen gesehen hatte vom Osten. Grau war alles gewesen, freudlos, mutlos. Diese Bilder hatten sie mehr erschreckt als die armen, hungernden Kinder in Afrika, die auch im Fernsehen zu sehen waren. Die Mütter der Kinder in Afrika waren in bunte Tücher gehüllt, die Sonne schien, die Kinder sahen elend aus, aber gleich würde ihnen geholfen werden, gleich kam der Arzt aus dem Norden und gab ihnen zu Essen, Medikamente, alles würde sich fügen. Aber die Bilder aus dem Osten waren wie hinter der Zeit. Neben der Zeit, niemand würde je kommen und alles würde gut werden. Im Gegenteil, bunte Menschen würden kommen und sie würden innert Stunden ergrauen, sie würden aufgesogen werden von dieser nebligen, stehenden Mutlosigkeit, dem Grau. Kein Gefühl war möglich im Osten, da war sie sich sicher. Das hatte sie gesehen. Deshalb würde sie nie über die Grenze gehen, die ja jetzt keine Grenze mehr war, sie würde sich nie in eine Strassenbahn setzen und ins Nichts hinein fahren. Auch wenn jetzt alles bunt gemalt war und nachts die Lämpchen dort glühten. Sie wusste es besser. Es war dahinter. Es war Grau.

Nun hatte Frau Frische einen Sohn. Einen einzigen Sohn. Den Junge Frische nannte man ihn im Haus. Im Gegensatz zum alten Frische, der schon früh gestorben war. Trotzdem war der junge Frische der junge Frische geblieben, er war nicht zum alten Frische geworden, auch nicht, als er immer älter wurde. Der Sohn hatte seit er ausgezogen war zwei Häuser weiter gewohnt. Weil er ja oft auch noch kam und die Wäsche brachte, weil der Kleingarten, wo er immer mithalf, auch in der Nähe lag, weil es einfach natürlich war, dass er im gleichen Quartier wohnte, in dem er aufgewachsen war. Nahe der Mutter, sie hatte ihm die Wohnung auch vermittelt, aber doch wohnten sie nicht zusammen. Das wäre ja auch komisch gewesen, er in seinem Alter.

Der junge Frische arbeitete nicht weit in einer Metzgerei, da konnte er anfangen zu arbeiten nach der Schule. Weil der Tod seines Vaters gerade in seine Pubertät gefallen war, hatte er die Schule nicht so gut auf die Reihe gekriegt.

Alles ging seinen Gang in ihrer Ecke, aber die Stadt, diese riesige Stadt wollte einfach nicht aufhören, sich zu verändern, sie wälzte sich um, seit dreissig Jahren, Ecken verschwanden, andere wuchsen empor, wie eine riesige, tektonische Plattenverschiebung gleich unter ihren Füssen, unheimlich, unberechenbar, die zermalmend, die am falschen Ort waren.

Es traf auch den Jungen Frische. Erst machte die Metzgerei zu, da der Metzger in Rente ging. Der Laden war auch nicht mehr wirklich gelaufen. Der junge Frische fand Arbeit bei einer grossen Lebensmittelkette, die eine Filiale gleich nebenan aufgemacht hatte. Er konnte an der Fleischtheke arbeiten. Alle schien gut.

Aber dann musste er aus der Wohnung ausziehen, das Haus wurde renoviert und die Wohnungen verkauft. An Schweizer, vor allem, aber auch an Italiener, Spanier, Amerikaner, wer auch immer den Traum dieser Stadt träumen wollte, war herzlich willkommen.

Frau Frische bot ihrem Sohn an, zurückzuziehen in ihre Wohnung, aber es war beiden klar, dass das nicht gut gehen konnte. Er rechnete ja auch immer noch damit, eines Tages ein Mädchen zu finden, das er heiraten wollte. Er hatte es nur noch nicht gefunden.

Und so passierte es, wie es passieren musste. Der junge Frische verdiente zu wenig, um mit den Wohnungsmieten in seiner Strasse mithalten zu können und die Wohnungen, die er fand, lagen allesamt im Osten. Die Mutter tat, was sie konnte, um diese Katastrophe zu verhindern, sie fragte Nachbarn, studierte Inserate, sie bat sogar ihren Bruder um Hilfe, der irgendwo bei der Stadt arbeitete, wo, wusste niemand so genau.

Als er das erste Mal aus dem Osten wiederkam, wo er eine Wohnung angeschaut hatte, beobachtete sie genau, ob er schon ein wenig grauer um die Nase war. Aber im Gegenteil, Er erschien ihr rosig, eher zufrieden, und auch wenn die Wohnung überhaupt nichts Vernünftiges gewesen war, so schien er doch nicht im Elend versunken.

Sie versuchte, ihn auszufragen, wie der Osten denn so gewesen sei. Der Junge Frische sah sie ganz erstaunt an. Nun ja, wie hier. Er überlegte eine Weile.  Mehr Junge. Und mehr verfallene Häuser.

Frau Frische wagte nicht, weiterzufragen. Sie wagte nicht, nach dem Grau und dem Nichts zu fragen, obwohl sie das gerne getan hätte. Sie hatte Angst, ihr Sohn würde es nicht verstehen. Dann würde sie sich dumm vorkommen. Oder er würde es verstehen und dann würde er schneller grau werden. Weil er es plötzlich sehen würde.

So sagte sie gar nichts und räumte die Teller in die Küche. Mit mehr Entschlossenheit als andere Male.

Viele Restaurants. Sinnierte er hinter ihrem Rücken. Alle scheinen auszugehen im Prenzlauer Berg. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr wurden ihm die Unterschiede klar zwischen seinem Viertel und dem Prenzlauer Berg. Er mochte die Gegend, das wurde ihm klar.

In den nächsten Tagen ging er in den Prenzlauer Berg, obwohl er gar keine Wohnung anzuschauen hatte. Und er sah nicht etwa grau und blasser aus, sondern rosiger und vergnügter in diesen Tagen.

Frau Frische begriff es nicht. Sie würde in den Osten reisen müssen, sie würde es sich ansehen müssen. Sie musste sogar damit rechnen, dass ihr Sohn ihr abhanden kam und dahin zog. Und dann? Sollte sie ihn da besuchen? Würde er sie hier besuchen? Würde er verschluckt werden vom Osten? Sie würde es herausfinden müssen. Ihr war schlecht nur schon bei dem Gedanken. Auch wenn es ihren Sohn vielleicht nicht verschlucken würde, bei ihr wäre das anders. Sie wusste es. Sie würde ihm nicht folgen können. Dorthin nicht. Hilflos kam sie sich vor. Ohnmächtig.

Der Junge Frische schien nicht zu sehen, dass seine Mutter immer grauer und basser wurde. Dass sie unruhig war. Vielleicht deswegen nicht, weil auch ihn selber eine Unruhe ergriffen hatte. Allerdings war es eine ganz andere Unruhe als die seiner Mutter. Die Unruhe kam tief aus ihm. Es war, wie wenn ein altes Uhrwerk langsam und stotternd anfangen würde, sich zu drehen. Es rumorte in seinem Innern, Gefühle brachen auf, die er gar nicht benennen konnte, von manchen wusste er gar nicht, dass es Gefühle waren. Eine Leichtigkeit, Übermut, Neugierde, Lebenslust. Es fing an zu schwingen in seinem Bauch, er sah die Menschen anders an, er fühlte sich jung, der Junge Frische, das frische Kind, ein Jugendlicher. Planlos lief er manchmal Abends durch die Strassen, die erhellt waren von den leuchtenden Schriften der verschiedenen Kneipen, sah die Menschen draussen sitzen, zufrieden schwatzend, ihre Fahrräder abschliessen, aufschliessen, sich treffen, auseinander gehen. Wie ein Fluss kamen ihm die Strassen vor, das Leben floss gemächlich den Häusern entlang, mal sprudelnd, mal fliessend, mal sich um sich selber drehend, gurgelnd, lachend. Er schwamm mitten in der Strömung, liess sich treiben, sah zu den unsichtbaren Sternen hinauf und horchte auf das vor sich hin Strömen. Es gefiel ihm ganz ausserordentlich. Es gefiel ihm, keinen Plan zu haben, es gefiel ihm, ein Teil zu sein dieses Lebens, ohne Zutun, ohne in Aktion zu treten und trotzdem mittendrin.

Frau Frische zögerte den Tag hinaus. Den Tag, der kommen musste. Es erschien ihr wie der letzte Tag ihres Lebens. Wie wenn sie selber festlegen würde, an welchem Tag sie sich ins Nichts stürzen würde. Oder das Nichts sich auf sie. Anfangs Woche dachte sie oft, diese Woche werde ich es tun, Mitte Woche dachte sie, dieses Wochenende wäre ein guter Zeitpunkt. Am Samstag dachte sie, ich habe so viel zu tun und am Sonntag sollte man sowieso nie an traurige Orte gehen. Das wusste sie schon lange. Und dann war es wieder Montag.

Wenn sie manchmal ihren Sohn anschaute, dann dachte sie, so schlimm kann es ja nun doch nicht sein. Sie sah ja, wie vergnügt er war. Wie unbeschwert, seit er so manchen Abend in den Osten ging. Vielleicht ist es eine Frau, dachte sie dann. Vielleicht geht er gar nicht in den Osten, sondern zu einer Frau und will es mir nicht sagen. Sie verstand, dass der Sohn auch Geheimnisse vor ihr haben sollte. Schliesslich brauchte es Abstand zwischen Mutter und Sohn. Aber wenn er ihr dann ganz sorglos von seinen Abenden erzählte, wie er durch die Strassen gelaufen war, war sie sich nicht mehr sicher.

Vielleicht, dachte sie, sieht man Abends das Grau nicht. Vielleicht ist Abends das Nichts hinter dem Licht versteckt. Das Licht überstrahlt nicht nur das Dunkel, sondern auch das Nichts. Aber hiess das jetzt, dass es Abends sicherer war für sie? Würde sie es spüren hinter dem Licht, sie, die wusste dass es da war? Oder würde es sich ducken hinter die Lichtschilder und dort kauern und sich nicht hervorwagen. Oder würde es zurückgedrängt werden vom Leben und vom Licht, unfähig, anzugreifen? Sie wusste es nicht.

Aber sie wollte auch nicht am Abend gehen. Sie wollte ihm ins Auge sehen und sie wollte es vernichten, damit sie ihren Sohn würde besuchen können, wenn er von hier nach da gegangen war.

Und das von hier nach da gehen kam schneller als gedacht. Erst war es die Wohnung. Er sagte es ihr erst, als er den Vertrag schon unterschrieben hatte. Ganz vorsichtig, er wusste, es würde ihr nicht gefallen. Aber sie war gross und billig. Was sollte sie sagen. Der Umzug ging schnell vonstatten und sie hatte tausend Ausreden parat, warum sie die neue Wohnung nicht besichtigte und nicht vorputzte, was sie sicher gemacht hätte, wäre sie woanders gewesen. Ihn schien das gar nicht zu kümmern, und das wiederum verletzte sie, wie sie sich dann des Abends eingestand.

Dann kam die Arbeit, in einer richtigen Metzgerei. Das gab es eben da noch, sagte er, nicht ohne Stolz. Bis jetzt hatte sie ihn alle zwei Tage im Supermarkt besucht, hatte sich jeden Mittag ein Stück Fleisch gegönnt, mehr, damit sie ihn sah als weil es ihr schmeckte. Im Gegenteil, das Fleisch lag ihr schwer auf dem Magen und liess sie am Nachmittag wach und unruhig in der Wohnung umhergehen. Ihr Mittagsschlaf funktionierte nicht mit einem schweren Stück Fleisch. Aber er nahm sich immer so lieb Zeit für sie und sie besprachen dies und das über die Theke hinweg.

Und schliesslich kam auch noch eine junge Frau dazu, die er immer öfters erwähnte, Sonntags, wenn er wie immer zu ihr kam. Er nahm sie noch nicht mit, sie wusste nicht warum und sie wusste auch nicht, warum sie sie nicht einlud. Es schien ihr ein anderes Leben, ein fremdes Leben, das wenig mit ihrem Sohn zu tun hatte. Mit ihrem Jungen Frische. Auch äusserlich hatte er sich verändert. Schlanker war er geworden, hatte sich gestreckt und lief aufrechter. Er wirkte sorgloser. Vielleicht passierte das, wenn man ins Nichts fiel. Vielleicht ging der Lebensplan verloren, der Fleiss, die Sorge. Das Ziel.

Sie wusste es nicht, weil sie immer noch nicht dagewesen war. Aber sie wusste, dass sie ihren Sohn nicht mehr erreichte wie früher. Er war hinter dem Vorhang verschwunden und sie gab dem Osten die Schuld.

Frau Frische merkte, wie die Wut wuchs in ihrem Bauch, wie sie Nachmittags statt der Entspannung dem Groll frönte auf den Osten. Wach und missmutig. Aus dem Gleichgewicht.

Der Osten wuchs zu ihrem Feind heran, nicht mehr Angst war es, die sie trieb, sondern ein Hass auf dieses Monster, das ihren Sohn verschluckt hatte und ihr den Zutritt zu verwehren schien, vielleicht würde sie an der Grenze abprallen, so sehr und so lange hatte sie sich gewehrt, dorthin zu gehen, dass es ihr vorkam, als wäre dort eine unsichtbare Wand nur für sie. Eine Mauer, die nur für sie nicht gefallen war. Immer wütender wurde sie, immer hasserfüllter, wie es vielleicht 25 Jahre zuvor die Menschen auf der anderen Seite gewesen waren. Nur war sie heute die Einzige. Ausgesperrt.

An einem regnerischen Dienstag Nachmittag war es soweit. Der Junge Frische hatte sich drei Tage frei genommen, um seiner Freundin beim Umzug zu helfen. Sie zogen zusammen. Sie zogen zusammen, bevor er sie ihr vorgestellt hatte. Sie war zu einer Randerscheinung seiner Existenz geworden, zu einem lieben alten, zurückgelassenen Gegenstand. Er wusste nie, und hatte wahrscheinlich nie gewusst, wurde ihr klar, was sie fühlte und was in ihr vorging. In ihrer Beziehung war alles auf ihn ausgerichtet gewesen, das war so und immer so gewesen.

An diesem Dienstag auf jeden Fall war es endlich soweit, dass Frau Frische, bewaffnet mit einem Regenschirm und einer Tasche, gegen ihren Osten antrat. Sie trat energisch aus der Wohnung, schloss sorgfältig die Türe ab, falls sie nicht mehr zurückkehren würde, trat auf die Strasse. Sie blickte sich um, wie um ihre Kräfte zu sammeln, wie um die Kraft ihrer gewohnten Umgebung mit sich zu nehmen in die grosse Schlacht. Die Strasse lag wie immer da, jeder Baum, jedes Blatt, jeder Stein, wie schon gestern und vorgestern und vor allen Zeiten. Steinern und ruhig.

Sie machte sich auf den Weg zu U-Bahn. Eine Station vor dem alten Osten stieg sie aus. Sie hatte beschlossen, die Linie oberirdisch und Schritt für Schritt zu überqueren. Und da lief sie also, entlang der Strasse, sie war sich nicht mehr sicher, wo genau die Mauer gestanden hatte, es war auch nicht ersichtlich, die Strasse schien sich einfach fortzusetzen, die Grenzen zerfledderten, das Bild brach auseinander, Frau Frische fühlte, wie ihr schwindlig wurde. Es war gar nichts da. Ihr Feind war nicht da, der Osten war nicht da, das Fremde war nicht da. Da, wo sie hätte gegen ihre innere Mauer laufen müssen, war einfach Nichts. Eine ganz normale Strasse, die Häuser reihten sich aneinander, es gab kein Widerstand, niemand hielt sie auf, sie lief ins Leere. Der Schwindel erfasste sie und die Erde gab unter ihren Füssen nach.

Die paar Menschen in der Strasse sahen die alte Frau zu Boden sinken. Drei, vier eilten herbei und beugten sich über sie. Einer rief den Krankenwagen. Aber es war schon zu spät, als sie im Spital ankam. Das Spital lag im Osten.

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