Als die Flugzeuge damals in die Türme flogen, war Jim in der Stadt. Er wohnte seit zwei Jahren da, war Schriftsteller, Bohème. Sein Leben bestand vor allem aus Parties, spielte sich in der Nacht ab, mit den richtigen, wichtigen, gleichen Leuten. Um das restliche Leben hatte er sich nicht gross gekümmert. Sein Künstlermikrokosmos war ihm grosse, weite Welt genug. Er war wichtig, weil er in dieser Ecke der Welt angekommen war, weil er kreativ war und weil er gut aussah. Jim war charismatisch. Diese Stadt schien nur auf ihn gewartet zu haben. Er gab sich ganz dem Treiben und Leben hin, den Frauen und der grossen Idee vom Ruhm, der später kommen würde. Dann, wenn er Zeit hätte, diesen bahnbrechenden Roman endlich fertig zu schreiben
Jim gefiel sich in der Pose des Rebellen, des Aussenseiters, obwohl er mitten drin war in der Gruppe der leichtsinnigen Künstler seiner Umgebung. Er konnte sich die Nachlässigkeit in Beziehungen leisten, die grosse Geste des armen Künstlers. Sein Roman nahm nur sehr langsam Formen an, aber er war das Ziel am Horizont, das Bewusstsein, das er in der Gegenwart brauchte. Bei den attraktiven Künstlerinnen, bei langen Gesprächen mit Seinesgleichen. Während des Tages war er Concierge für eines der distinguierten, verschwiegenen Häuser im reichen Teil der Stadt, sah die Menschen kommen und gehen, lernte sie zu beurteilen und einzuteilen, die Würdigen und die Unwürdigen, die Nichtsnutzigen und die Hochwohlgeborenen. Seine Inspiration aber suchte er in der Nacht, bei den Phantasten, den Begüterten, die für die Zeit ihrer Jugend auf all den Reichtum ihrer Eltern verzichteten, um sich selber zu finden. Dort fühlte er sich zuhause, obwohl auf ihn nie ein Erbe warten würde, das ihm auch in Zukunft dieses sorglose Leben ermöglichen würde. Aber darüber dachte er in seiner Jugend und seiner ruhelosen Kraft nicht nach.
Als es krachte hatte er gerade einmal drei Stunden geschlafen und es dauerte eine Weile, bis er überhaupt wusste, wo er war. Das Bett, in dem er aufschreckte stand in einer grossen, leer eingerichteten Wohnung und gehörte einer hübschen Frau, die einen anspruchsvollen Job hatte. Er hatte vergessen, was es war. Er erinnerte sich, dass sie vor kurzem gegangen war und ihn noch angelächelt hatte. Er hatte zurückgelächelt und sich umgedreht, kaum war sie verschwunden.
Aber jetzt war etwas falsch. Ganz falsch. Dieses Krachen, diese Unruhe auf der Strasse, das Geschrei. Er setzte sich auf und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Er hatte etwas von einer Katastrophe geträumt, etwas von einem Feuer, etwas Unheimliches. Er war verwirrt. Sein Traum schien sich vor den grossen Fenstern abzuspielen. Langsam stand er auf und ging hinüber. Es krachte noch einmal. Er wusste nicht, aus welcher Richtung es kam, bis er diesen undurchdringlichen Nebel sah, der auf ihn zuwallte. Die Menschen unten auf der Strasse rannten wild davon, es war laut, es war unfassbar, es war ein Chaos.
Er wollte raus, wollte es den anderen gleichtun, weg vom Nebel, vom Chaos, aber der Anblick lähmte ihn. Die Bilder auf der Strasse vermischten sich mit seinem Traum, mit den Flammen, mit dem Unheimlichen. Er fühlte sich gefangen, verloren zwischen der Realität und seinem Unterbewusstsein. Er konnte weder vor noch zurück. Er konnte sich nicht bewegen. Alle anderen reagierten instinktiv auf diese Katastrophe, schienen zu wissen, was sie zu tun hatten. Und wenn sie es nicht wussten, dann brachten sie sich auf jeden Fall in Sicherheit. Er hörte die Sirenen, sah die Feuerwehrautos in Richtung Nebel fahren, sah Menschen daraus auftauchen. Alle mit entsetzten Gesichtern. Er stand da am Fenster und fragte sich, ob er Schuld war an ihrem Entsetzen.
Als er noch ein kleiner Junge war, mussten sie in der Schule oft die Landkarten ausmalen, die grossen Seen blau, die Berge einzeichnen, die Flüsse bemalen. Er hatte immer ganz sorgfältig gemalt, hatte sich immer vorgestellt, wie seine Farbe zur Realität wurde. wie er mit seinem Farbstift eine Ueberschwemmung im richtigen Leben verursachten würde.
Dieses gleiche Gefühl überkam ihn jetzt. So unmittelbar war der Traum in die Realität übergegangen, so irreal schienen die Szenen vor dem Fenster, dass er für einen winzigen Augenblick nichts mehr zusammenbrachte. Das Aussen schien Innen, das Innen Aussen, die Realität etwas Angenommenes, Ungefestigtes, hinter dem sich eine irrealere Realität verbarg und dahinter ein Traum und dahinter der Tod und dahinter, in unendlichen Reihen, andere Realitäten, die genauso angenommen wurden wie die Jetzige. Nichts war fest, nichts war, wie es schien. Er starrte in den weissen Nebel und für einen Augenblick hatte er keine Ahnung, wo er war, wer er war und ob die Zeit weiterlief.
Noch Stunden später, als er die Livebilder und Kommentare im Fernsehen einer Kneipe sah, als das ganze Ereignis schon eingeordnet und Realität geworden war, als die Sprecher schon die ersten Analysen brachten und als schon alle zu wissen schienen, was genau passiert war, fühlte er sich immer noch taub und stumm und starrte auf die Bilder im Fernsehen, wie wenn sie von einem anderen Ereignis erzählen würden. Sein Erlebnis konnte nicht überschrieben werden durch die Fakten. Dumpf fühlte er eine Verantwortung. Obwohl alle wussten, was passiert war, war er sich selber gar nicht sicher, ob nicht doch vielleicht sein Traum, in einer anderen Realität, in einer unerklärlichen, kosmischen Vermischung von Zeit und Raum und Traum und Gedanken all dieses Entsetzen ausgelöst hatte. Durch einen dummen Zufall in der Zeit, durch einen Traum zum Zeitpunkt der Katastrophe war er zu ihrer Verantwortlichen geworden.
Er wagte nicht, sich umzuschauen, wagte nicht, den Leuten ins Gesicht zu schauen. Plötzlich würden sie auf ihn zeigen und sagen, er war es, es waren nicht die Terroristen, er hat das über uns gebracht. Ihm war übel und er wollte nur noch nach Hause. Oder nicht nach Hause, was war das schon, das Zuhause,. Er wollte weg, raus, raus aus der Stadt, raus aus diesem Gefühl. Er bestellte noch einen Gin, obwohl er spürte, dass er noch betrunken war von der Nacht zuvor. Und obwohl er schon zwei, drei getrunken hatte, zusammen mit dem Kaffee, der ihn wach machen sollte. Der Barkeeper schien das durchaus normal zu finden unter diesen Umständen. Oder es interessierte ihn nicht. Die ganze Kneipe sprach abwechselnd durcheinander, abwechelnd schauten alle auf den Bildschirm, wenn die nächsten schrecklichen Bilder kamen.
Schliesslich war er genug betrunken, dass er den Heimweg fand und ins Bett sank. Trotz all des Brummens der Aufregung, trotz all den Sirenen, trotz all dem Rufen schlief er ein in seiner kleinen Wohnung.
Als er aufwachte, war es Mitten in der Nacht. Eine Weile lag er bewegungslos da. Mit geöffneten Augen. Er versuchte, ganz langsam ins Bewusstsein zu wechseln, versuchte einzuordnen, an was er sich erinnerte, versuchte, die Dinge auseinander zu halten. Noch nie hatte er sich so wach gefühlt. Noch nie war ihm so bewusst gewesen, wie viel Leben es da Draussen gab. Er stellte sich die Menschen vor, in ihren Wohnungen, mit ihren Kindern, mit ihren Sorgen, die, die eben verlassen worden waren, die frisch Verliebten, die ewig Streitenden, die Einsamen, die Alten, die Babies. Wie ein Turm, nein, wie eine Wand wuchsen die Bilder von all diesen Menschen, die er nicht kannte, vor ihm empor. Sie standen im Raum, jedes Bild für sich, hunderte, tausende Bilder von Situationen, die sich so oder ähnlich vielleicht gerade abspielten in den Häusern nebenan und den Häusern neben den Häusern nebenan. Sie alle, ausser den Kindern, schliefen jetzt wohl nicht, erschüttert wegen der Ereignisse und alle waren sich bewusst, dass etwas passiert war, das nie hätte passieren können in ihrer Vorstellung der Welt.
Er dachte an all die Nächte, die er in den Clubs verbracht hatte, an seine kleine Welt, die sein Zuhause gewesen war.
Er überlegte, was zu tun war, wie er für sich alles wieder richtig rücken konnte. Auch wenn sein Traum nichts mit der Realität zu tun hatte. Auch wenn er seinen Traum als etwas Eigenes erkennen konnte, konnte er doch dieses Gefühl der Verantwortung nicht loswerden. Ganz tief in seinem Inneren war da immer noch die Gewissheit, dass er etwas ausgelöst hatte, was so ohne ihn nicht passiert wäre. Er dachte über seinen Impuls nach, einfach weggehen zu wollen. Er würde einen Ort finden, der in der Realität verankert war. Einen Ort, wo er seine Mitbewohner kannte, wo er wusste, wie es ihnen ging. Alles würde anders werden.
Als er zum zweiten Mal aufwachte, sah Jim die Sache klarer. Nicht mehr schreiben wollte er sich die neue Welt, wie er das zuvor gewollt hatte, sondern er wollte sie erschaffen. Mit seinen Händen. Langsam trat er an das kleine Fenster seiner Wohnung und begrüsste sein neues Ich.
Anfangs waren sie nur zu Zweit, die aufs Land zogen. Zwar hatten ihm alle interessiert zugehört bei seiner Idee, hinauszuziehen und neu anzufangen. Wohl deshalb, weil sie alle erschüttert waren. In den Tagen nach dem Anschlag hatte sich auch das Lebensgefühl der Stadt verändert. Wie eine grosse Wunde lagen die Trümmer, wie nach einer finalen Diagnose fühlten sich viele. Sie wussten, dass sich alles geändert hatte, ohne dass sie das wollten. Niemand konnte zurück in das Vorher. Wer es versuchte, empfand sich als schlechter Schauspieler, unauthentisch und über die wahren Gefühle hinweg spielend. Aber mit der neuen, gedämpften Stimmung konnten sie auch nichts anfangen. Trotzdem konnte sich nur sein Bekannter Bert entscheiden, mit ihm wegzugehen und etwas Neues auszuprobieren. Bert war der Typ Mensch, der immer auf Wanderschaft schien, auch wenn er irgendwo sesshaft war. Die anderen waren zu fest verstrickt in ihre Kleinigkeiten, ihre Beziehungen, ihre Gewohnheiten.
Jim und Bert kauften ein Haus an einem See in Pennsylvania. Mit einem Auto, ein paar Kisten, Werkzeugen und einem alten Gewehr brachen sie auf. Es war gar nicht so weit von der Stadt, aber wer das nicht wusste, konnte sich in irgendeinem verlassenen Landstrich wähnen.
Schon nach ein paar Tagen fühlte sich Jim stark und seltsam unschuldig. Das Leben vorher hatte er abgeworfen wie eine alte Haut. Der neue Jim war ein Naturbursche, der Morgens früh aufstand und Abends Bücher las. Er war durchdrungen. Von Ruhe, von Gewissheit, von Echtheit. Alles schien ihm plötzlich richtig, wahr und real. Viel realer als jemals zuvor in seinem Leben. Bert war auch sehr brauchbar und bald hatten sie einen Hund, Gänse und Fotos auf einer Facebookseite, die immer öfters geliked wurden.
Nach einem Monat kamen die ersten Besucher aus der Stadt. Das Landleben hatte plötzlich seinen Reiz, so wie Bert und Jim da lebten. Die erste Person, die blieb, war Julie, eine zierliche Frau, die anfing, Gartenbeete anzulegen. Jeder war willkommen, jeder, der kam, fühlte sich zuhause und geborgen. Die Zeit lief langsamer im Haus auf dem Land, man wurde ruhiger und die Diskussionen mit Jim waren zeitlos. Er war so zuhause auf dem Land, dass es allen einzuleuchten schien, dass das die richtige Art war zu leben.
Die kleine Kommune wuchs schnell. Einige kamen für ein paar Wochen, andere kamen gleich, um zu bleiben, einer zog den anderen nach sich. Aber es gab keine wilden Parties und kein Leben wie in der Stadt. Es gab lange Gespräche, selbstgemachtes Gemüse und Arbeit.
Er fühlte, dass viele seiner Freunde nur darauf gewartet hatten, sich jemandem anzuschliessen. Manchmal, wenn er eine Pause machte, stand er im Garten und schaute sich um. Er wollte allen helfen, er wollte, dass es allen gut ging. Manchmal noch dachte er an diese Nacht zurück, als er plötzlich seine ganze Umgebung gespürt hatte. Jim hatte eine Mission. Er wollte die grosse Wunde vergessen machen. Er wollte eine Welt nach der Welt aufbauen.
Auf die Frauen schienen sein durchtrainierter Körper, seine Ruhe und Hilfsbereitschaft erotisch zu wirken. Alle, die kamen, wollten früher oder später mit ihm schlafen. Julie war die erste gewesen, die eines Nachts in sein Zimmer trat und unter seine Decke schlüpfte. Er war überrascht, aber er sagte nichts. Sie liebten sich wortlos und auch die Tage darauf sprachen sie nie darüber. Dies dauerte einige Wochen, dann schien sie mit sich selber im Reinen zu sein und kam nicht mehr. Aber es kamen andere. Manchmal fordernd, manchmal verführend, einige waren die Frauen seiner Freunde, einige gingen wieder, als sie merkten, dass daraus nie eine Beziehung entstand. Die Männer versuchten, diese nächtlichen Besuche nicht zu sehen. Sie schienen so beiläufig, er schien nie verändert, er nahm nie Bezug darauf. Ein Einziger konfrontierte ihn einmal. Unten am See, es war ein warmer Abend und die beiden fischten nebeneinander. Jim sah ihn lange an und meinte dann, er sollte das besser mit seiner Frau besprechen. Und so war es ja auch. Es war eine Geschichte zwischen den beiden und nicht zwischen ihm und dem Mann. Am nächsten Tag reisten die beiden ab. Niemand schien es zu kümmern.
Jim fing an, Sonntag Abends Lesungen einzuführen. Erst kamen die Ideen für die Bücher von allen, aber mit der Zeit passierte es immer öfter, dass Jim ein Buch vorschlug und dass sein Vorschlag auf Zustimmung stiess. Es ergab sich einfach so.
Seine Vorschläge waren meist obskure Philosophen, die ein Lebensthema aufgriffen. Ueber das Glück, über die Gesellschaft, über das Ende der Zeit. Stundenlang konnte er darüber diskutieren, streiten, argumentieren, er war in seinem Element und alle hingen an seinen Lippen. Bücher und Gedanken, die nicht in sein Bild der Welt passten, tat er meistens mit einer lässigen Geste ab oder er verfiel in einen Sarkasmus, der mit den Wochen und Monaten immer ausgefeilter wurde. Selten widersprach ihm jemand wirklich ernsthaft, meistens war es seine Show.
Der einzige, der Distanz zu ihm hielt und der ihn auch kritisierte und ihm spöttisch widersprach, war Bert. Es war ihr Traum, ihrer beider Entschluss gewesen, eine ganz neue Lebensform zu erfinden, wie sie dachten. Ohne Bert hätte er es gar nicht geschafft.
Bert war ein stiller, sensibler, intelligenter Mann, er brauchte viel mehr Zeit als Jim, um sich eine Meinung zu bilden. Er war bedacht, aber auch schnell im Kopf. Wenn er anfing, sein schiefes Lächeln zu lächeln, merkte Jim, dass er auf der Hut sein musste. Er wusste, dass die Angriffe von Bert treffend und entlarvend waren.
Darum wahrscheinlich fing er an mit den kleinen Special Events, bei denen nur einige wenige Bewohner dabei waren. Jim fand, es brauche bei manchen Menschen mehr Hingabe und Verständnis. Nie war Bert bei diesen Spezialgruppen dabei, niemand machte sich Gedanken darüber. Und niemand wusste, was Bert darüber dachte. Die Gruppen ergaben sich, alle wollten soviel Zeit wie möglich mit Jim verbringen, vor allem die Frauen. Und Bert war ohnehin der stille, introvertierte Typ.
Bei einer Lesegruppe, bei der alle anwesend waren, kam es dann zu dem peinlichen Moment, wo sie über ein Buch sprachen, von dem Bert noch nie gehört hatte. Nachdem er realisiert hatte, dass er der Einzige war, schwieg er. Jim versuchte ihn grosszügig einzubeziehen, vielleicht aus einem schlechten Gewissen, vielleicht auch nur aus der Position des Stärkeren. Aber Bert lächelte nur sein schiefes Lächeln und sah ihm zu.
Um ehrlich zu sein, wurde Bert Jim immer unangenehmer. Die Gruppe, die inzwischen aus zwölf Männern und Frauen und vielen Gästen bestand, die immer einmal wieder da waren, festigte sich zusehends, sie schienen auf einem Gleis zu laufen, sie sprachen eine Sprache und hatten die gleichen Ideen, wie Jim fand, und Bert schien zusehends weniger hineinzupassen in diese Gruppe.
Aber Bert blieb. Immer öfters sah Jim, wie er ihn musterte, aber er sagte nach wie vor nichts.
Eines Tages dann plötzlich, in einer Vollversammlung, wie sie es inzwischen nannten, in der jeweils die Arbeiten verteilt wurden, Jim konnte nicht so viel arbeiten, weil er ja die ganze Kommune leitete, ganz plötzlich fing Helen, ein neueres Gruppenmitglied, an zu schluchzen. Sie wollte erst lange nicht herausrücken mit ihrem Problem, aber dann kam, unter Tränen und Schluchzen heraus, dass Bert sie vergewaltigt hatte. Als Bert das hörte, stellte er seine Bierflasche, er war der Einzige, der Alkohol trank, abrupt auf den Tisch. Alle Augen richteten sich auf ihn. Er schaute komischerweise nicht auf Helen, sondern auf Jim. Stumm starrten die beiden Männer sich an. Die Spannung war greifbar. Sie stand im Raum wie eine Drohung.
Aach, sagte Bert dann gedehnt, und wann habe ich dich denn vergewaltigt?
Ihr Blick schoss zu Jim hinüber und dann zu ihm zurück. Die anderen warteten schweigend. Helen war erst vor zwei Wochen zu ihnen gestossen und wie immer, wenn jemand neu kam, war erst einmal die Ablehnung überwiegend. Nicht eine offene Ablehnung, wie das in einem Dorf vielleicht der Fall gewesen wäre, aber eine Distanziertheit, alles Neue war schwer in dieser inzwischen so eingeschworenen Gemeinschaft. Vor allem die Frauen waren nie sehr herzlich, wenn eine neue Frau kam. Und sie alle wussten, dass Helen wahrscheinlich bei Jim übernachtete. Deshalb war jetzt im Raum zu spüren, dass die Stimmung zu drehen anfing. Auch Jim spürte es und wohl auch Bert, obwohl er jetzt auf Helen blickte. Sie zögerte. Und das war genug. Plötzlich schaltete sich Jim ein. Solche Anschuldigungen wiegen schwer, Helen. Ich hoffe, du bist sicher, was du sagst. Sie blickte hilflos zu ihm hin. Erschrocken schon fast.
Dann stand sie auf und rannte aus dem Zimmer. Jetzt wandten sich alle Blicke Jim zu. Er stand auf. Ich werde mit ihr reden, sagte er beruhigend in die Runde und zu niemandem im Speziellen. Dann verliess auch er den Raum und liess die anderen zurück. Bert nahm sein Bierglas wieder zur Hand und schwieg.
In dieser Nacht war das Haus am See unruhig. In den Zimmern und den Betten entwickelten sich Ideen und Gedanken, die sich so gar nie hätten sich entwickeln sollen. Jim war nicht wieder aufgetaucht und so fanden die Gedanken der anderen den normalen Kanal nicht, der sie lenkte und führte und liefen plötzlich wild in alle Richtungen.
Am nächsten Morgen reiste Helen ab, ihre Augen rot verweint und niemand stand da, um ihr auf Wiedersehen zu sagen. In der Gemeinschaft aber war ein Riss entstanden. Spürbar, greifbar, für alle fühlbar. Niemand sprach darüber, vor allem Jim nicht und obwohl es schien, als ob es diesen Abend nicht gegeben hätte, war er stets und bei allen präsent.
Jim schien zornig in den nächsten Tagen. Seine grossartige Ruhe und Gelassenheit schienen ihn verlassen zu haben, er war missmutig und aufbrausend. Aber es war nicht klar, ob er wütend war auf Helen, die die Gemeinschaft so durcheinander gebracht hatte, auf Bert oder auf sich selber. Er ging Bert aus dem Weg, das sahen alle. Bert schien der Einzige, der sich nicht beeinflussen liess von dieser Stimmung. Wie immer arbeitete er im Garten, in den Feldern und werkelte am Haus und an den Zäunen herum, tat, was getan werden musste und sass am Abend vor dem Haus am See und trank sein Bier.
Alle schienen auf etwas zu warten. Niemand wusste, auf was. Der Frieden war einer unangenehmen Anspannung gewichen.
Jim fühlte sich wie ein entthronter König. Er war wütend auf Bert. Bert schien alles kaputt zu machen, die Gemeinschaft zu sprengen und er merkte einfach nicht, dass er fehl am Platz war. Helen hatte geweint, als er ihr zu erklären versucht hatte, dass doch alles ganz anders war, als sie sich das ausgedacht hatten. Sie wollte nicht gehen. Sie machte ihm keine Vorwürfe, aber sie verstand auch nicht, warum er nicht alles zurechtrücken konnte. Er konnte doch alles. Er wusste doch, was er tat. Es machte Jim wütend, dass er nicht alles konnte. Und das er jetzt wieder von vorne beginnen musste, diese neue Welt aufzubauen. Wo er doch schon so viel geleistet hatte. Er hatte gewusst, dass er es neben Bert nicht schaffen konnte. Das Bert ihm immer in die Quere kommen würde. Und so hatte er es auch Helen erklärt. Deshalb begriff sie nicht, warum sie gehen musste und nicht Bert. Das konnte man den anderen doch sagen, dass Bert nicht hierher passte. Das sah doch jeder. Sie konnten doch eine Abstimmung machen.
Aber Jim wusste, dass sich Bert nie etwas zu schulden hatte kommen lassen. Er war ruhig, er war gelassen, er war nett, er arbeitete viel. Es war mehr das, was er nicht tat. Er fügte sich nicht ein. Er schaute vom Rand aus zu. Aber würde das genügen für eine Entscheidung, dass er gehen müsse? Deshalb hatten er und Helen beschlossen, Fakten zu schaffen.
Und jetzt das! Jim nahm die anderen nicht mehr richtig wahr. Alle seine Gedanken kreisten um Bert. Bert, der ihm alles kaputt machte. Bert, der nichts verstanden hatte. Jim war wütend. Sehr wütend. Wütend bei der Arbeit, beim Essen.
Die ersten reisten nach einer Woche ab. Sie sagten, sie brauchten mal eine Woche Stadtferien. Jim fühlte, wie seine Heimat auseinanderbrach. Er konnte sie nicht mehr halten, sein guter Traum schien vorbei. Und hinter dem Traum wartete Nichts.
Eines Nachmittags, er sass in seinem Zimmer und war zu abgelenkt um zu arbeiten, trat Julie ein. Die zierliche Frau, die als erste zu ihnen gezogen war.
Du solltest dich einkriegen, sagte sie. Sie sagte es nett. Jim explodierte innerlich. Es schrie in ihm. Wieso sollte ich mich ändern, schrie er, warum ich? Ich habe alles gegeben, alles gemacht, ich bin der Kopf und der Geist dieser Gemeinschaft. Wer sagt mir, was ich zu tun habe!
Aeusserlich blieb er ruhig. Du hast recht, sagte er nach einer Weile. Sie blieb noch einen Augenblick da stehen, dann verliess sie das Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Er starrte aus dem Fenster, wie er aus dem Fenster auf den Nebel gestarrt hatte, vor ein paar Monaten. Auch jetzt war er sich nicht sicher, ob die Zeit weiterlief. Er starrte so lange, bis sein Kopf wieder klar war und er einen Plan hatte.
Am nächsten Morgen trat Jim mit einem Rucksack ins Wohnzimmer. Die anderen sassen beim Frühstück. Sie sahen auf, aber sagten nichts.
Ich brauche Zeit, sagte Jim. Er entschuldigte sich nicht, er sagte nichts weiter. Bert war nicht unter den Leuten am Frühstück. Er hatte es sich angewöhnt, sehr früh rauszugehen und zu fischen.
Jim packte den Rucksack, schwang in auf den Rücken und verliess das Haus. Er hatte erwartet, dass die anderen ihn zurückhalten würden. Halb hatte er es erwartet, halb hatte er gewusst, dass sie das nicht tun würden, wenn er ehrlich war. Aber es würde sich schon finden. Er wusste es. Sie brauchten ihn, sie brauchten seinen Rat und seine Führung. Ausser, er hielt inne im Schritt, ausser Bert würde seine Stelle einnehmen. Mit seiner ruhigen Art und weil er schon so lange hier war. Und weil gegen ihn nichts zu sagen war. Aber das würde nicht passieren. Jim lächelte grimmig. Das würde nicht passieren. Er schlug den Weg zum Wald ein und verschwand hinter den Bäumen. Erst als er sicher war, dass er ausser Reichweite war, stellte er den Rucksack neben einen grossen Baum und nahm sein Jagdmesser. Es war für das grössere Ganze, es war nicht einfach eine Laune. Es hatte einen Sinn. Es war unumgänglich. Er drehte ab zum See und schlich sich durch die Büsche. Alles hatte eine Logik. Das wurde ihm an diesem Morgen bewusst. Immer wieder würde es solche Zusammenstösse geben zwischen dem, was sein musste und dem, was falsch war. Jim hatte in den letzten Monaten gelernt, dass es falsch und richtig, gut und böse gab, es gab einen Weg und bei jeder Abzweigung nur eine Entscheidung, die richtig war.
Und weil es im Sinne eines höheren Zieles war, musste er Bert auch nicht von vorne, nicht von Mann zu Mann bekämpfen. Es war keine Auseinandersetzung, es war nur das Werkzeug für den richtigen Weg. Von hinten war die Tat ungemein einfacher. Es war keine Abrechnung, nichts Persönliches, sondern die Lösung eines Problems, das sich gestellt hatte. Bert war gerade dabei gewesen, das Boot an Land zu ziehen. Er drehte sich halb und schaute Jim ins Gesicht. Er schien überrascht. Du Idiot, sprudelte es mit dem Blut zusammen aus seinem Mund, dann fiel er wie ein Stein ins Wasser. Jim zog ihn ins Schilf und legte schwere Steine über ihn. Dann kehrte er in den Wald zurück, nahm seinen Rucksack und lief ins Dickicht.
Was er jetzt brauchte, war ein Reinigungsritual. Ein weihevolles, würdiges, reinigendes Ritual, das ihn von der Tat, der Erinnerung und den Gedanken befreite. Er suchte sich die Stelle dafür sorgfältig aus. Erst nach ungefähr drei Stunden wandern fand er eine Lichtung, eine lichtüberflutete, unschuldige, unberührte Lichtung, die einen Halbkreis beschrieb und an deren hinteren Teil sich eine Felswand mit einem kleinen Wasserfall befand. Sie schien seit Jahrhunderten auf diesen Tag und diese Tat gewartet zu haben. Nein, sie schien nur für dieses Ritual geschaffen worden zu sein. Er trat in die Mitte und stellte den Rucksack auf den Boden. Ganz langsam drehte er sich um sich selber. Wie, um sich jede Einzelheit einzuprägen und damit andere Bilder zu überschreiben. Dann zog er sich langsam aus und warf seine Kleider vor sich auf einen Haufen. Er würde sie am Abend verbrennen.
Weit breitete er seine Arme aus und blickte in den blauen, wolkenlosen Himmel hinauf. Die Natur war wunderschön, unberührt, das Licht weich und gedämpft, ein tiefer Frieden, eine Gleichmütigkeit lagen über dem Tag und der Lichtung. Dies alles nahm Jim in sich auf, schien die Natur zu umarmen und sie schien ihn zu umarmen. Die Sonne schien auf seinen nackten Körper, wärmte ihn und es herrschte ein solcher Einklang zwischen allem und mit allem, dass er weinen musste. Die Spannung, die sich so unerbittlich aufgebaut hatte in den letzten Wochen fiel von ihm ab und er sah wieder klar und einfach, welchen Weg er weitergehen musste und welcher Weg ihn hierher geführt hatte. Er sich legte sich in das warme Gras und versuchte, an nichts zu denken, den Wolken zuzuschauen und wieder zu sich selber zu finden. Alles verschwand. Die Vergangenheit, die Zukunft. Es gab nur ihn und die Lichtung und es schien ihm das richtige zu sein, einfach hier zu bleiben, liegen zu bleiben, sich nicht mehr zu bewegen und keine Richtung mehr einzuschlagen.
Er befand sich in einem einlullendem Dämmerzustand. Die Zeit stand diesmal wirklich still, seine Geschichte löste sich auf, sein Leben, das Leben der Gemeinschaft, seiner Gemeinschaft, das Leben auf dem Planeten, die Zeit als Kontinuum verabschiedete sich und ein zeit- und formloser Zustand tat sich auf. In diesem unendlich Frieden keimte aber irgendwo tief unten ein dunkler Gedanke. Zuerst konnte er ihn gar nicht fassen. Formlos, klein, unterschwellig. Er versuchte, sich diesem kleinen Riss zuzuwenden. Diesem Riss in der Ganzheit, die er empfand auf dieser Lichtung. Es war ihm nicht klar, was es war.
Aber schliesslich, gerade als eine kleine Wolke die Lichtung verdunkelte, wurde es ihm klar. Er würde Bert vermissen. Nicht nur das. Bert war sein Gegenstück, Bert war sein alter Ego gewesen, Bert war ein Teil von ihm. Bert war das Gegenteil von ihm, sein Kontrahent aber auch seine Ergänzung. Jäh richtete er sich auf. War das wahr? War es so? Er sah Berts Gesicht vor ihm.
Er hatte einen Fehler gemacht. Er hatte einen unumkehrbaren Fehler gemacht. Plötzlich wusste er es. Er hätte vorher darauf kommen sollen. Er hätte Bert nicht auslöschen dürfen, nicht, weil er jetzt tot war, sondern weil er nicht tot sein konnte. Er hatte das Gefüge endgültig gekippt, hatte den untersten Stein entfernt und jetzt brach das ganze Gebäude zusammen. Das Gebäude, das er so mühsam aufgebaut hatte, Bert war ein Grundstein davon.
Die Natur brach weg, der Himmel brach weg, die Lichtung brach weg. Jim sass im wahnsinnigen, furchtbaren Nichts. Gelähmt, zitternd.
Wenn es Minuten vorher keine Zukunft gab, weil er so in der Gegenwart verankert war, dann gab es jetzt keine Zukunft, weil da nur ein schwarzes Loch war, wo sie hätte sein sollen. Mit der Vergangenheit, die er nicht mehr ändern konnte, kein Jota davon, hatte er sich auch seine Zukunft genommen.
Er realisierte in diesem Moment, dass die Vergangenheit sich festschrieb, noch während sie geschah, dass jede Minute, jede Sekunde, jeder Augenblick unveränderlich feststand. In Blei gegossen. Fest. Unverrückbar. Nichts konnte zurückgenommen, nichts verändert, nichts ungeschehen gemacht werden, was einmal der Gegenwart entglitt. Er fühlte sich unbeweglich, aus Stein, aus Eisen.
Auf diesen fatalen Fehler musste er seine ungewisse, ungeschehene, im Wind geschriebene Zukunft aufbauen. In der alles passieren konnte. Auf diesen schwarzen, undurchdringlichen Block türmte sich Minute um Minute der Rest seines Lebens auf.
Es schien ihm unvereinbar.
Du Idiot hatte Bert gesagt, als er starb. Du Idiot. Er hatte es gewusst. Er hatte es die ganze Zeit gewusst. Warum hatte er nie etwas gesagt? Warum hatte er nicht, wie Jim, darüber geredet, wer er war und warum er tat, was er tat. Warum? Er hätte ihn warnen können, er hätte es in der Hand gehabt, alles zu ändern. Aber er hatte es so weit kommen lassen. Er hatte ihm den schwarzen Block hinterlassen, der ihn jetzt ausfüllte.
Bert würde nicht mehr da sein, wenn er zurückkam. Er würde ihn nicht mehr anschauen, er würde nicht mehr mehr über Jim wissen, als Jim selbst. Jim würde sich selbst überlassen sein, ziellos, haltlos. Mit diesem schwarzen Block im Bauch, der ihn daran hindern würde, eine neue Welt aufzubauen.
Jim würde streng sein müssen, gnadenlos, hart, er hatte keinen Spielraum mehr, es war kein Spiel mehr.
Schwer stand er auf. Sein Gewicht schien ihn gegen den Boden zu ziehen. Die Verantwortung für seine Gemeinschaft, es würde keine Freiheit mehr geben für ihn, keine Freiheit für die Anderen. Das Spielerische war vorbei.
Er schleppte sich unter den Wasserfall, der Weg schien ihm weit, fast nicht machbar, die Lichtung schien unendlich gross.
Endlich war er da, stand unter dem kalten Wasser. Aber es bedeutete nichts. Nichts würde von jetzt an etwas bedeuten. Wegen Bert. Weil Bert sein Gegenspieler war. Weil Jim denjenigen ausgelöscht hatte, der ihn zum Existieren gebracht hatte.
Er hatte in der Stadt nicht existiert und er existierte nicht für die anderen. Er existierte nur als Bild. Als Gedanke. Als Klischee. Als Projektion. Er hatte nur einmal existiert. In seinem Feind.