körperlos

Gestern musste ich spazieren gehen. Nach zwei Zoomsitzungen, in denen ich die Menschen gehört und gesehen, aber nicht gespürt habe. Sie hatten keine Körperlichkeit. Draussen zerrte der Wind an meiner Jacke, es regnete in mein Gesicht. Ich spürte den Wind und den Regen.

Ein Mann kam mir entgegen mit einem Hund. Laut sprach er in sein Telefon, das irgendwo unsichtbar in seiner Tasche liegen musste. Ich denke nicht, dass er mich bemerkte. Er war da und war doch nicht da. Der nächste Mann war jung, seine Kopfhörer gross. Er lachte laut auf, als er ein paar Schritte entfernt von mir war. Er war irgendwo anders, bei einer Person in seinem Kopf.

Der Regen wurde stärker. Die dritte Person war eine Frau mit Maske. Sie eilte an mir vorbei, den Blick abgewandt. So auch der nächste Mann. Die meisten Menschen wenden ihren Blick ab, wenn sie eine Maske tragen. Die Körper der Anderen, ihre Anwesenheit, ihre Begegnung mit dem eigenen Körper ist zu etwas Gefährlichem geworden, zu etwas Unwägbarem. Zu einer Bedrohung, der man aus dem Weg gehen muss.

Meine Umwelt ist körperlos geworden. Unbestimmt. Sie hat keine Konturen mehr und keine Begegnungen. Im Gegensatz dazu ist mir mein eigener Körper sehr bewusst. Ihn muss ich schützen, gut ernähren, pflegen, damit er mich nicht verrät.

Das war gestern.

Aber heute, HEUTE! liegt etwas in der Luft. Es riecht nach Erinnerung, nach Kraft und Unbeschwertheit. Ich weiss jetzt, wir werden uns wieder berühren. Es ist ein alter Duft. Jahr für Jahr kehrt er wieder. Er ist ein Versprechen. Und soviel älter, mächtiger und langlebiger als jedes Virus und jede Gefahr.

Es wird Frühling. Und wir werden uns wieder berühren.

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