Momente

Sie sieht ihn. Sie sieht ihn wirklich.

Sie sitzt neben ihrem Mann, die Lippen aufgespritzt, die Bluse zu weit geöffnet. Sie schunkelt mit der Musik. Träumerisch, könnte man sagen, wenn ihre aufgerissenen Augen überhaupt träumerisch schauen können. So, wie sie sich träumerisch vorstellt. Und romantisch.

Ihr Mann schunkelt nicht. Er trinkt noch ein Bier. Redet auf sein Gegenüber ein. Das grosse Geschäft. Der Deal seines Lebens. Oder so scheint es zumindest. Er versucht, dem Anderen etwas aufzuschwatzen. Was, das kann Jimmi natürlich nicht hören. Er steht neben dem Swimmingpool, auf der kleinen, improvisierten Bühne des Campingplatzes und singt das Lied, bei dem immer noch alle Frauenherzen schmelzen. Wohl vor allem aus Nostalgie. Meist schauen sie dann in die Weite, oder zu ihrem Mann. Sie ist die erste seit langem, die zu ihm hin schaut.

Jimmi schaut zurück. Und zusammen schlüpfen sie in eine andere Zeit. Weit weg von diesem Ort und diesem Sommer.

So hat er sich das nicht vorgestellt. Damals. Er zupft die Akkorde automatisch und denkt an den Abend zurück, als er das erste Mal mit seinen Jungs auf der Bühne stand. In einer kleinen Bar in Amsterdam. Es war dunkel, aber die wenigen Besucher, die da waren, hatten aufgehört zu schwatzen und hörten ihnen zu. Damals wusste er, dass ein grosses Leben auf ihn wartete. Er spürte es. Er war wie elektrisiert.

Jimmi wendet den Kopf um und sieht zum Schlagzeuger hin. Der nickt und ohne sich weiter absprechen zu müssen, fallen beide in den langsamen Rhythmus von „Angie“. Er sieht zur Frau hinüber. Sie lächelt. Lasziv? Müde? Entrückt? Sie will jemand anders sein. Er auch.

Früher hatte er seine eigenen Lieder geschrieben. Lange Nächte, einsame Stunden. Die Künstlerexistenz schien ihm die einzig lebbare. Er hatte die Melancholie geliebt, sie hatte Grösse und Kraft.

Die Melancholie des Campingplatzes bleibt ihm verborgen. Er ist nur desolat. Jimmi sucht die Magie in den weit geöffneten Augen der Frau.  Dieser flüchtige Augenblick, der vorhin zu spüren gewesen war. Dieser Vorhang über der Realität. Diese Vorstellung eines anderen Lebens, die sie vorhin verbunden hatte.

Und dann, wie in grelles Licht getaucht liegt der dämmrige Campingplatz, die Tische, die Frau, die paar Leute plötzlich vor ihm. Wie im Augenblick des Blitzes, der die Umgebung beleuchtet zuckt eine so grässliche Realität vor ihm auf, dass er unwillkürlich die Augen schiesst. Nie würde er dieses Bild vergessen können. Wie schmerzhafte Wellen schlagen die Bilder der Vergangenheit, der ruhelosen Tage, der verrauchten Bars, der coolen Leute gegen seine Brust. Er kann die Augen nicht mehr öffnen. Er will die Bilder nicht mehr loslassen. Die Bilder von Traurigkeit, von Glück, von unendlicher Gegenwart, von endlosen Tagen. Er will sie packen, will dahin zurück fliehen, will in sie eintauchen, weg von diesem Ort, von diesem Campingplatz. Seine Brust wird eng, das Schlagzeug stockt, er hört es von weit her, seine Gitarre tönt schrumm, spielt falsche Töne. Noch immer steht er wie versteinert. Er kann weder vorwärts noch rückwärts in seiner Zeit, steht wie angewurzelt, paralysiert. Die Musik fällt auseinander, verkümmert, verklingt. Eine gespenstische Ruhe breitet sich in der Abenddämmerung aus, er weiss, dass alle Leute jetzt zu ihm hinüber starren, er weiss, dass der Schlagzeuger ratlos zu ihm blickt, unsicher, ob er weiterspielen soll. Mac, wie lange begleitet er ihn jetzt schon? Sie pendelten von Ibiza, ihn schaudert, zurück auf den Schweizer Campingplatz, ihm wird übel. Seit 12 Jahren spielen sie zusammen, trinken zusammen, reisen zusammen. Mac ist sein Kumpel, sein einziger Freund. Plötzlich tut sich sein Leben vor ihm auf, eine endlose Wüste, ganz klein ist er darin, schrecklich weit der Himmel und der Horizont. Wie in einem irren, irrealen Traum schleppt er sich Schritt für Schritt voran, ohne Zweck und ohne irgendeine Chance, irgendwann einmal irgendwo anzukommen. Er weiss, dass es sinnlos ist.

Mac hatte ihn nicht gekannt in den Jahren in Amsterdam. Er hatte ihn nicht gekannt als sorglosen, wilden, begabten, jungen Mann, der wie ein Tramp durch die Strassen zog, unabhängig und nur seiner Musik verpflichtet. Niemand hatte ihn gekannt, niemand kennt ihn, niemand kennt den wahren Jimmi. Niemand weiss auch nur im Geringsten, dass es ihn überhaupt gab. Gegeben hatte. Ihm wird klar, dass er schon lange tot ist, im Limbo auf dem Campingplatz. Ihm wird klar, dass sein Leben schon vor Jahren aufgehört hat, lange bevor er diese Menschen hier überhaupt gekannt hatte.

Stimmengewirr dringt an sein Ohr. Er steht noch immer, rund um ihn leere Luft. Sie würden ihn nicht erreichen können, sie würden nicht zu ihm vordringen, durch die Leere. Sie würden abprallen an der unbezwingbaren Traurigkeit, die ihn umgibt. Sie sind in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, in einer parallelen Welt. Sie sind nicht da, wo er ist. Da wo er steht ist niemand, absolut niemand. Er lässt sich fallen, weil er nicht da stehen kann, hier und nicht hier und weil er die Augen nicht öffnen kann, weil er nicht sprechen kann, weil er sich weigert, diese Realität als real zu akzeptieren. Er lässt sich fallen und täuscht eine Ohnmacht vor. Er braucht Zeit. Zeit um herauszufinden, wo er sein will. Wie er wieder in die Realität wechseln kann, ohne an diesem Ort in der Realität zu sein, wo er sich gerade befindet. Er hat keine Ahnung.

Natürlich bringen sie ihn ins Spital. Mit Blaulicht. Er wird die Augen einfach erst wieder öffnen, wenn etwas Entscheidendes passiert. So lässt er sich fallen, macht sich schwer, als sie ihn auf die Trage heben und gibt sich ganz dem Drama hin. Mac fährt mit, in dem Krankenwagen. Er redet mit ihm, leise, fürsorglich, aufmunternd, obwohl er denken muss, dass er ihn nicht hören kann. Oder vielleicht gerade deshalb. Er beschwört ihre Freundschaft und versichert ihm, dass er ihn nicht im Stich lässt. Jimmi ist gerührt. Sie hatten in den letzten Jahren mehr getrunken und sich abgelenkt, als wirkliche Gespräche zu führen. Er hatte nicht gewusst, dass Mac ihn wirklich mochte.

Dann kommen sie im Spital an und er spürt, wie sie ihn aus dem Wagen heben, wie sie durch Gänge eilen und wie er in irgendeinem Raum ankommt. Es ist wie in einem Film. Ein anderer Film als der seiner Jugend, ein anderer Film als Amsterdam, aber immerhin, es ist ein Film und er kommt darin vor.

Die Aerzte leuchten ihm in die Augen, fühlren den Puls, murmeln etwas von Panikattacke. Es kümmert ihn nicht. Weich und schwer und unbeweglich bleibt er liegen. Menschen kommen und verschwinden. Mac musste irgendwann zurückgeblieben sein, er hört seine Stimme nicht mehr.

Es tut gut, die Welt einmal nur als Ton zu erleben. Als Töne, als Geflecht, als Symphonie. Er hängt ihnen nach: dem Schlurfen, dem klirren von Metall auf Metall, dem Tuscheln und Rascheln. Vielleicht ist das die Lösung. Er stellt sich den weiteren Verlauf seines Lebens als eine grosse Tonspur vor. Er würde die Augen geschlossen halten, er würde die Realität nicht sehen, sondern sie nur hören. Schon jetzt erscheint sie ihm aufregender. Aufregender als die letzten paar Jahre seines Lebens. Er würde die Menschen hören und er könnte sie sich nach seinem Gutdünken vorstellen. Es fühlt sich verheissungsvoll an.

Dann geben sie ihm eine Spritze, schmerzhaft, und rollen ihn in ein Zimmer, ruhig.

Langsam ebbt der Film ab. Er hört Windrauschen, ein Apparat tickt, es riecht nach Putzmittel oder so etwas Ähnlichem. Das Bett fühlt sich weich an. Er fühlt sich geborgen. Schon fast hat er den Entschluss gefasst, nie mehr einen Blick auf die Welt zu werfen, da öffnet sich die Tür. Leise Schritte treten an sein Bett. Es riecht gut. Die Person raschelt an seinem Bettende. Er hält unwillkürlich den Atem an. Die Person geht irgendwo anders hin im Raum. Er weiss nicht, wie der Raum aussieht, wie gross er ist. Es ist eine Frau, da ist er sicher. Nein, sicher ist er nicht. Die Person kommt zurück. Nimmt seine Hand und misst den Puls. Doch, es ist eine Frau. Und sie duftet gut. Er spannt sich an. Soll er die Augen öffnen? Passiert etwas Entscheidendes? Wie sieht sie aus? Oder soll er diesen Augenblick einfach vorbeiziehen lassen? Sich den Tönen hingeben, die er doch eben erst entdeckt hat. Dem Leben, das er eben erst angefangen hat sich vorzustellen. Sie lässt seine Hand los. Aber sie bleibt neben dem Bett stehen. Bestimmt schaut sie ihn an. Betrachtet ihn. Sieht ihn. Ihm wird heiss. Ohne länger darüber nachzudenken, öffnet er die Augen. Sein Blick fällt auf ihr Namensschild. „Angie“, steht da. Jetzt weiss er, dass etwas Entscheidendes passiert ist.

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