Blümchen

Alle nannten sie Blümchen. Ein verwelkendes Blümchen, müsste man sagen. Blümchen klingt süss, wenn du zwanzig bist, aber es tönt müde und fehl am Platz, wenn du fünfzig bist. Der Name war nicht mit ihr gealtert. Er haftete an ihr wie ein zu kurzer Rock, den sie schon lange nicht mehr tragen sollte.

Ich kann mir vorstellen, dass Blümchen in ihrer Jungend eine tolle, leichtsinnige und überschäumende Frau gewesen war. Als ich sie traf, hier in einem Berliner Café, hatte sie mehr Probleme als Leben. Sie sah mich durch die Probleme hindurch an, immer noch entschlossen, sie zu ignorieren und so zu leben, wie sie es schon immer getan hatte. Leichtsinnig. Ich mochte Blümchen für ihren unpassenden Sinn fürs Leichte, wo das Schwere doch an ihr hing wie alte Kohlesäcke. Nicht, dass sie materielle Probleme gehabt hätte. Ich fand es nie genau heraus, aber sie schien sich nie Sorgen ums Geld machen zu müssen. Vielleicht hatte sie geerbt, vielleicht arbeitete sie, aber darüber schien es ihr nicht wert zu reden. Sie sprach über ihre Männer, über die Kinder, über ihre Kindheit, auch über die Zukunft, die ihr so unplanbar schien. Aber hauptsächlich sprach sie über Menschen. Über ihre Liebsten. Sie hätte alles für sie gegeben, schon immer, aber die anderen schienen dieses Alles nicht zu wollen und nicht zu brauchen. Und trotzdem hing sie an ihnen, hoffte, dass die Kinder eines Tages ihre Meinung ändern würden, dass der Mann vernünftig würde. Ihr Kompass war auf die anderen ausgerichtet und der Kompass der anderen zeigte von ihr weg. Und so sass Blümchen Morgen für Morgen im gleichen Café wie ich, schaute tapfer dem Tag entgegen, der derjenige sein konnte, an dem endlich jemand einsah, dass ihre Liebe gut war und wahrscheinlich sass sie jeden Abend bei sich zu Hause und dachte sich, morgen ist der Tag. Inzwischen vertrieb sie sich die Zeit mit Kunst und Literatur, mit Kultur und Musik.

Viele Freunde sagten ihr, so erzählte sie, dass sie einfach wieder einen Mann brauchen würde. Aber das war schwierig. Wegen der Kindheit. Wegen dem Vater, der sie nie geliebt hatte, wegen der Mutter, die keine Nähe zuliess, wegen dem Mann, den sie nicht vergessen konnte. Die Psychologen erklärten ihr seit Jahren, wie sie sich verändern müsste, damit ein neuer Mann in ihrem Leben Platz hätte. Aber es schien, als sei sie seit Jahren damit beschäftigt, das nicht zu tun, was die Psychologen sagten. Ihr Herz war nun mal vergeben, an die Kinder, an den unnützen Mann und Platz für einen Neuen gab es neben all ihren Problemen nun wirklich nicht. Das schien sie nicht zu kümmern. Sie trotzte den Psychologen, sie trotzte dem Leben, ihr ging es gut.

Und dann, eines Tages, nahm sie ihr Leben trotzdem in die Hand. Sie erschien am Morgen im Café mit einem kleinen Hündchen. Anton, stellte sie ihn vor. Es war ein niedliches Hündchen. Erst ein paar Wochen alt. Man konnte schon sehen, dass es ein grosser Hund werden würde. Aber sie hatte nicht anders gekonnt. Eigentlich passte er nicht in ihre Berliner Wohnung, erzählte sie vergnügt. Eigentlich hatte sie keine Zeit und erziehen schien auch nicht ihre Stärke zu sein. Der kleine Anton machte schwanzwedelnd, was ihm passte, pinkelte an den Cafétisch und bellte kleine Kinder an. Sie passten gut zusammen, die Beiden.

Dann wurde es Winter in Berlin und die Menschen verschwanden in ihre Wohnungen, unter ihre Mützen und über der ganzen Stadt lag Dunkelheit. Ich zog weiter, ins Helle und als ich an einem dieser schönen, übermütigen Frühlingstage zurückkehrte ins Café, sah ich Blümchen und Anton, er war inzwischen ein ausgewachsener Riesenhund. Sie sahen glücklich aus, er rannte unbekümmert über die Strasse voller Autos und sie sorgenvoll hinterher. Sie hatte ihr Herz endlich doch an jemand anderen verschenkt.

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