Da sass ich also nach 6 Tagen Quarantäne und zwei negativen Tests am See an der Sonne, unglaublich dankbar, unglaublich glücklich und genoss die Wärme, den Herbst, die goldenen Blätter, die Schönheit.
Und ich dachte wieder einmal über Niklas Luhmanns Buch „Vertrauen“ nach. Der Anfang des Buches geht so:
„Vertrauen im weitesten Sinne eines Zutrauens zu eigenen Erwartungen ist ein elementarer Tatbestand des sozialen Lebens. Der Mensch hat zwar in vielen Situationen die Wahl, ob er in bestimmten Hinsichten Vertrauen schenken will oder nicht. Ohne jegliches Vertrauen aber könnte er morgens sein Bett nicht verlassen. Unbestimmte Angst, lähmendes Entsetzen befielen ihn. Nicht einmal ein bestimmtes Misstrauen könnte er formulieren und zur Grundlage defensiver Vorkehrungen machen; denn das würde voraussetzen, dass er in anderen Hinsichten vertraut. Alles wäre möglich. Solch eine unvermittelte Konfrontierung mit der äussersten Komplexität der Welt hält kein Mensch aus.“
Der Untertitel des Buches: „Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität.“
Was wiederum bedeutet, wenn der Mensch kein Vertrauen weder in die Zukunft noch in die Welt noch in ein System noch in sein soziales Umfeld noch in irgendetwas sonst hat, ist dieser Mechnismus zur Reduktion sozialer Komplexität zerstört. Er bleibt, gelähmt vor Angst und Entsetzen, in seinem Bett liegen.
Und genau das, so schien mir da am See, diese Konfrontation mit der äussersten Komplexität der Welt, ist es, was uns alle in diesen Wochen verzweifeln lässt. Im Sinne von an allem Zweifeln. Kein Zutrauen in die eigenen Erwartungen.
Tiefe Gedanken waren das, ich war ganz eins mit dem Universum. Fühlte grad ganz Wichtiges. Versuchte es zu fassen.
Bis neben mir am See in der warmen Oktoberluft ein Mann im See schwamm. Er schwamm nicht nur, er richtete sich auf im Wasser. Lange Haare, langer Bart, muskulöser Oberkörper, braungebrannt, ein Bild von einem Mann.
Und schwupps, ware alle tiefen Gedanken weg, das Universum, weg. Sosehr ich mich auch bemühte, meine Gedanken kringelten und kreiselten um dieses unglaubliche Bild mit Wasser, Mann, Muskeln, Sonne.
Ich muss sagen. He made my day. Von jetzt an, das schwor ich mir an diesem warmen, goldenen, dankbaren, lebendigen, wunderschönen Oktobernachmittag am See: weniger Luhmann und mehr Mann. Man weiss ja nie, wie lange man noch Zeit hat.