Mein ganzes Leben hat mich der Grundsatz begleitet von Sein und Haben. So habe ich die Menschen eingeteilt, die die haben und brauchen und wollen, die Materialisten, und die die sind, Menschen wie ich.
Diese Einteilung ist starr, einfach zu handhaben und teilte die Welt in meine Freunde und die anderen ein. Es brachte viele angenehme Nebeneinteilungen mit sich. Die Guten und die Bösen, die Kreativen und die Karrieristinnen, die Arrivierten und die Suchenden. Die Oben und die Unten.
So lebte ich lange Jahre, das Bild festigte sich und meine Welt war immer in Ordnung. Bis zu den letzten Monaten. Bis zu Corona.
Es war und bleibt nicht einfach nur eine Zeit der Unsicherheit, sondern auch mein Weltbild änderte sich. Nicht von einem Moment auf den Anderen, aber jeden Tag ein wenig mehr. Was in dieser Zeit ins Zentrum rückte, würde ich als Give and Take beschreiben.
Viele Gewissheiten fielen. Klar gibt es immer noch die Armen und die Reichen, die Linken und die Rechten. Klar hoffen die meisten Menschen immer noch, alles werde einmal vorbei sein und die Welt werde werden wie vorher. Und viele arbeiten genau darauf hin.
Aber jeden Tag werden alle, auch ich, immer wieder daran erinnert, dass momentan andere Regeln gelten, auch wenn die meisten hoffen, dass am Horizont wieder Gewissheit, Sicherheit, Freiheit und persönliches Glück ihr Leben bestimmen werden.
Aber in diesen Wochen: Give and Take. Vieles muss verhandelt werden, wie wir uns begegnen, welche Nähe wir zulassen, was wir wichtig finden, auf was wir verzichten wollen, wo die andere Person anfängt, wie wir unsere Zeit nutzen und wie die anderen sie nutzen. Wir sind in einem beständigen Austausch mit allen. Es ist kein Zufall, dass wir die Menschen, denen wir jeden Tag begegnen, plötzlich wahrnehmen.
Auch die Menschen, denen wir zufälligerweise begegnen, die Mitfahrerinnen in Zug und Bus, die Spaziergängerinnen, Velofahrerinnen. Wir nehmen sie wahr. Nicht mehr so wie vor ein paar Monaten, aber die Wahrnehmung bleibt. Und das gegenseitige, blitzschnelle Verhandeln, wieviel Nähe uns angenehm ist.
Aber auch: Was tue ich und was tue ich nicht. Trage ich die Maske? Schütze ich andere? Fliege ich in die Ferien? Mache ich überhaupt Ferien? Fahre ich ins Ausland? Diese Fragen haben nicht nur mit mir selbst zu tun, sondern wir beziehen die anderen Menschen in unsere Abwägungen mit ein. (die meisten von uns auf jeden Fall). Es geht nicht nur um mich, sondern um viele.
Give and Take ist dieser Grundgedanke. Das sich jeder Mensch nicht nur mit sich beschäftigt, sondern auch mit seiner Umgebung. Und das diese Umgebung Auswirkungen hat auf unser Denken.
Eigentlich ist das der älteste Grundsatz der Gemeinschaften. Kommunikation und Miteinander. Aber die letzten vielen Jahre waren nicht vom Miteinander geprägt, sondern von der Vereinzelung, der Optimierung, der Individualisierung, der Kommerzialisierung. Deshalb wohl festigte sich mein Grundgefühl von Sein und Haben.
Heute empfinde ich das anders. Give and Take. Ich habe es verinnerlicht. Und egal, was mit Corona passiert oder eben auch nicht, das ist der Leitspruch, der mich in Zukunft begleitet. Ein sehr viel fliessenderes, veränderbares Grundgefühl, kein dualistisches, sondern ein prozesshaftes, ewig weiterrollendes. Es ist zwar schwieriger, meine Meinungen daran festzumachen aber es scheint mir trotzdem fundierter, sicherer und beständiger zu sein als Sein und Haben.