Gerade habe ich angefangen, Hararis Buch ‚eine kurze Geschichte der Menschheit‘ zu lesen. Und es scheint, dass die Frauen in der Geschichte der Menschheit nicht existiert haben. Zumindest bis ins dritte Kapitel des Buches.
Das ist nicht etwa der Haltung des Autors geschuldet, im Gegenteil, sein Wissen ist breit und seine Analysen überaus faszinierend. Tatsache ist, dass die Geschichtsschreibung über Jahrtausende eine reine Männerangelegenheit war.
Sieht man sich die heutige Gesellschaft an mit den vielen Frauen die arbeiten, aber auch die Zeit der industriellen Revolution mit all den Fabrikarbeiterinnen, mit den Frauen, die sich auf dem Feld abrackern, im Mittelalter die Weberinnen und Heimarbeiterinnen, die Römer und Griechen mit ihren Göttinnen, schlicht alle unsere Kulturen der letzten 5000 Jahre, so wird klar, wie unsinnig dieses Bild ist.
Aber auch in anderen Kulturen in Afrika, Südamerika, überall auf der Welt und zu jeder Zeit war die Frau fester Bestandteil des Überlebens, des Einkommens, des Wohlstandes und des Bruttosozialproduktes. Die ganze Geschichte der Menschheit war durchaus ein Miteinander. Und jede Frau in den meisten Kulturen ist weit weit mehr als eine Mutter, deren einzige Aufgabe darin besteht, die Nachkommen aufzuziehen.
Der einzige Unterschied: die Fiktion. Oder wie Harari es nennt: Wirklichkeit schaffen. Mit unseren Geschichten, Erzählungen und Mythen.
Wie, wann und warum es geschah, dass die Männer zu den einzigen Erzählern unserer Wirklichkeit wurden, werde ich vielleicht im Verlaufe des Buches noch herausfinden. Auch können wir die Zeit nicht mehr zurückdrehen und die Geschichte anders erzählen, da jede Wirklichkeit, die geschaffen wurde auch die dazugehörenden Konsequenzen hat, die heute viele Frauen auf der ganzen Welt erleiden.
Aber was wir tun können ist das Narrativ der Zukunft zu verändern. Harari beschreibt es als den flexiblen Homo Sapiens. Unsere Spezialität ist es, innerhalb von wenigen Jahren eine neue Erzählung in die Welt zu setzen (Nationalstaat, Revolution, Kommunismus, Naziregime, Kaiserzeit, Firmen, Wirtschaft, Kapitalismus etc) und damit eine neue Wirklichkeit zu erschaffen. Wir können also heute mit einem Narrativ beginnen, dass die Frauen genauso wie die Männer als das abbilden, was sie auch wirklich sind. Die Hälfte aller Menschen auf dem Planeten, die Seite an Seite mit der anderen Hälfte dafür sorgt, das die Familie läuft, die Wirtschaft läuft, die Politik läuft, die – Zukunft läuft.
Im heutigen Narrativ fast auf der ganzen Welt sind viele Frauen unsichtbar. Das führt dazu, dass wir ungeschützt sind, verletzlich und vor allem, dass wir nicht vernetzt sind. Eine Wirklichkeit zu schaffen wie Harari es nennt bedeutet, dass Gemeinschaften aus mehr als 150 sich persönlich kennenden Individuen zusammen kooperieren können. Durch das Narrativ vereint, können wildfremde Menschen auf der Grundlage der gemeinsamen Fiktion zusammenarbeiten (siehe Religion, Firma, Staat.) Es braucht also eine Fiktion über die Frau als Teil dieser Welt, die von Tokio bis Las Vegas, von Johannesburg bis Stockholm verstanden wird als Grundlage für die Visibilität der Frau.
Um das zu erreichen, müssen Frauen reden lernen. In der Öffentlichkeit, im Privaten, in der Schule, auf der Arbeit, in der Erziehung, in der Beziehung, in der Kultur, in der Politik, in ihrem Fachgebiet, in der Gesellschaft und in der Gemeinschaft.