Das Menschliche

Aufgerieben. So heisst es wohl. Aufgerieben zwischen den Fronten. Alte Bilder gehören dazu, zerlumpte Soldaten in Schützengräben. Krieg ist. Aber du bist kein Soldat.

Der Tod im Wasser ist schneller. Wenn die kalten Wellen über dir zusammenschlagen, wenn dich das Wasser und die Kleider hinunter ziehen. Du merkst, dass es zu Ende ist. Du sinkst gegen den Grund und dann ist es vorbei.

Du bist kein Soldat. Aber du bist auch kein Mensch mehr. In dem Moment, als dein Haus zerstört wurde und du dich auf den Weg gemacht hast war dein Leben nichts mehr wert. Jetzt stehst du zwischen den Fronten, kein vor, kein Zurück, keine Chance, keine Zukunft.

Und doch fühlst du dich als Mensch. Du fühlst dich verirrt und verzweifelt, verlassen und ängstlich, wütend, hungrig und orientierungslos. Und du hast diese grosse, irre Hoffnung in dir, dass das alles irgendwann wieder anders kommt. Das hält dich zusammen während du da stehst, vor dir Gewalt, die dich aufhält, hinter dir Gewalt, die dich vorwärts treibt. Jeder Tag, jede Stunde kämpfen Hoffnung und Verweiflung in dir. Die Hoffnung, die dein Leben als Mensch kennt und die Verzweiflung, die erkennt, das du kein Mensch mehr bist.

Vielleicht verhungerst du, vielleicht erfrierst du, vielleicht gibst du dein Leben auf vor Erschöpfung. Vielleicht verendet deine Hoffnung still in einem kaputten Zelt in einer dreckigen Strasse in einem verstopften Lager. Vielleicht irrlichterst du umher von Land zu Land, bis dir jemand gestattet, wieder ein Mensch zu sein.

Bis dahin irrst du auch durch meine Träume. Du sitzt mit mir am Tisch. Du wunderst dich über meine warmen Kleider. Du hältst mich ab von meiner Arbeit. Ich bin ein Mensch. Nicht nur das, ich bin ein guter Mensch, sagt man mir. Ein besserer Mensch. Der richtige Mensch. Aber ich fühle es nicht. Nicht jetzt. Nicht solange du nicht auch wieder ein Mensch bist.

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