Zeit der Unruhe 2: Die Tamilen

Für das freigewordene Zimmer in unserm Mehrgenerationenhaus suchten wir einen WG-erfahrenen Gartenspezialisten mit wenig Gepäck. Aber es kamen Menschen.

Frauen mit Kind, Frauen ohne Kind aber mit Katze, Frauen die zuviel wollten, oder zuwenig, Männer, die selten da sein wollten, Männer mit komischen Hobbies.

Und es kamen drei Tamilen. Zufälligerweise. Der Erste ist gerade daran, sein Leben nach einer Krankheit umzustellen. Doro ist sehr dafür, dass er kommt, weil er im Garten helfen kann und im Haus.

Die Zweite will weg von ihren Eltern, die sie verheiraten wollen. Sie macht zuhause den ganzen Haushalt, passt auf ihre 5 Geschwister auf. Zudem arbeitet sie zu 70% in einem Heim für Behinderte. Anna meinte, es wäre gut, wenn sie käme, dann könnte sie auf die Kinder hier im Haus aufpassen.

Und der dritte ist ein Freund von Alex aus den Zeiten, als er in Sri Lanka lebte. Alex würde ihm gerne hier eine Arbeit suchen. Er war vor einem Jahr schon hier, da hat er sich vor allem um die Tochter von Alex gekümmert, deshalb ist Klaus, der andere Vater im Haus, sehr dafür, dass er kommt.

Bei allen anderen Bewerbern war es nie ein Thema, dass sie uns Arbeit abnehmen würden. Mehr noch, auch bei uns, die wir hier schon wohnen, ist es nie ein Thema, dass wir uns für etwas verpflichten, was wir nicht wollen. Alles immer nur freiwillig.

Wie kommt es also, dass wir an diese drei Menschen andere Erwartungen stellen? Ist es, weil sie Ausländer sind? Ist es, weil sie sozial schwächer sind? Ist es der Gedanke, ich helfe dir, du hilfst mir? Und wenn ja, wo ist dann die Balance zwischen wieviel Hilfe man gibt und nimmt?

Tatsache bei uns ist nämlich, dass niemand in unserem Haus viel Zeit hat, um Hilfe zu geben. Alle sind sehr ausgelastet, engagiert in Umweltthemen, in Nachhaltigkeitsprojekten und in sozialen und gesellschaftlichen Gruppen für Veränderung und ein besseres Leben.

Das war auch der offizielle Grund, warum einige diese Bewerber wollten: man muss doch helfen und niemanden ausgrenzen. Aber eben, im Hintergrund lauern ganz handfeste Vorteile, die man sich verspricht, wenn man diese Person im Haus hat.

Dieses Muster bei allen Dreien empört mich. Die ungleichen Ansprüche an verschiedene Menschengruppen, die Tatsache, dass wir gewillt sind, Menschen, die es eh schon schwer haben, mehr aufzubürden und uns nicht getrauen, an Menschen, die es nicht so schwer haben, Forderungen zu stellen.

Wir unterscheiden also zwischen Menschen, die sich entfalten und verwirklichen können und sollen und Menschen, die einfach arbeiten und produzieren sollen.

Oder zwischen Menschen, die unsere Hilfe nicht benötigen und von denen wir deshalb keine Hilfe erwarten und Menschen, die unsere Hilfe benötigen, die uns im Tausch dafür aber auch helfen müssen.

Ist das die Gesellschaft, wie wir sie uns vorstellen und wünschen?

Wir nehmen übrigens keinen der drei Tamilen. Die Angst, Verantwortung zu übernehmen und Hilfe zu leisten war dann doch grösser als der Wunsch nach Entlastung.

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