Die Nachbarinnen

Seit 90 Jahren schon leben die zwei Schwestern im Haus neben unserem. 95 ist die Ältere, 94 die Jüngere. Ungefähr. Während wir mit ungeschnittenem Rasen und wilden Hecken jedem kleinsten Insekt ein Zuhause geben wollen, ist der ganze Stolz der Nachbarinnen die makellose Ordnung, die sie selber aufrecht erhalten. Jeden Tag arbeiten sie im Garten, mähen den Rasen selbst, heben jedes Blatt vom Boden auf im Herbst. Wir haben ihnen schon oft gesagt, dass wir die neuen Nachbarn sind, aber sie scheinen es immer wieder zu vergessen.

Neulich morgens um drei klingelt es an unserer Haustür. Es ist die ältere der Schwestern. Sie hat nur eine vage Vorstellung, warum sie gekommen ist.

Da steht sie nun also, in Nachthemd und Finken in unserem Hauseingang mitten in der Nacht. Draussen regnet es. Das es Nacht ist, weiss sie nicht.

Nur Gill und ich sind wach geworden. Die anderen schlafen. Zum Glück auch die Kinder. Wir begleiten sie hinüber ins Nachbarhaus und klingeln. Das Haus bleibt dunkel.

Ratlos stehen wir zwei da mit ihr im Regen. Aber unsere Nachbarin hat hundert Mutmassungen, warum ihre Schwester nicht zuhause ist und tausend Ideen, wie wir ins Haus gelangen können. Sie will zu den anderen Nachbarn, sie klettert durch den dunklen Garten in ihren Finken, dass wir denken, sie fällt gleich um und sie sucht wieder und wieder den Schlüssel. Wir sind eher die Statisten in ihrer Welt, in der es nicht Nacht ist und ihre Schwester mit jemandem unterwegs und sicher gleich kommt.

Schliesslich findet sie den Schlüssel tief in ihrer grossen Handtasche neben zwei leeren Portemonnaies.

Wir können hinein in das Haus, in dem die Zeit still steht. Die Nachbarin erkennt ihre Stube nicht wieder. Und findet ihre Schwester nicht.

Schliesslich lässt sie sich dazu überreden, sie im Schlafzimmer zu suchen, obwohl das keinen Sinn für sie ergibt. Auch die Schwester scheint nicht zu begreifen, was wir morgens um 4 in ihrem Haus machen. Trotzdem sind beide sehr höflich zu uns und verabschieden uns freundlich.

In diesem Moment, mitten in der Nacht, berühren mich diese zwei Frauen. Ihre Abhängigkeit voneinander, die sie hinnehmen. Ihr eiserner Wille, ihre Festung zu halten, während draussen die Welt vorbeizieht und sich unablässig verändert.

Am nächsten Tag werkeln die zwei wieder einträchtig in ihrem Garten. Wie immer. Uns haben sie vergessen

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