Warum sie nicht mehr ins Yoga geht.

Es geschah vor vier Tagen. In der Yogaklasse. „Yoga ist das Beste.“ „Yoga ist wirklich eine Erfahrung.“ „Es macht mich einfach glücklich.“ So und ähnlich hatten ihre Freundinnen getönt. Yoga schien alle Probleme zu lösen, schien einen besseren Menschen aus dir zu machen. Yoga macht glücklich. Also schrieb sie sich ein in die Klasse. Sie machte sonst nie etwas in einer Gruppe, das entsprach ihr gar nicht. Aber die erste Stunde war ok, die zweite auch. Zwar hatte sich noch kein Glücksgefühl eingestellt, aber sie war ja schliesslich Anfängerin. Wahrscheinlich verrenkte sie sich noch nicht so, dass die Glückshormone und Energieströme fliessen konnten.

Eigentlich fand sie es ganz nett, wenn sie ehrlich war. Vor allem das ruhige Atmen Anfangs der Stunde gefiel ihr. Und die Lehrerin hatte eine angenehme Art. Dieses Atmen, die Ruhe, der dunkle Raum, beruhigend war es auf alle Fälle.

Bis eben vor vier Tagen. Sie hatten kaum angefangen, sassen auf ihren Matten, bequeme Haltung,  der Raum abgedunkelt, leise Musik. Eben noch dachte sie, dass sie den Trick endlich raus hatte mit dem Fliessen lassen des Atems, dass es jetzt nicht mehr lange dauern konnte, bis sich das Glücksgefühl einstellte, da fing die Lehrerin an, von einem Punkt zwischen ihren Augen zu sprechen. Durch diesen Punkt würde goldenes Licht in ihren Körper hineinfliessen und sich dort ausbreiten.

Da passierte es. Statt dem goldenen Licht befand sich in ihrer Magengegend ein dunkler Kubus. Ein schwarzes, undurchsichtiges, schweres Etwas, sie wusste nicht, ob es aus Metall war oder aus was für einem Material. Ob es überhaupt ein Material war. Definitiv war es kein goldenes, leichtes, warmes Licht, dass sie durchströmte, sondern eben. Ein schwarzer Kubus. Fest. Undurchdringlich. Irritiert öffnete sie die Augen. Und schloss sie wieder. Es war immer noch da.

Die ganze Stunde hindurch, während all den Übungen, spürte sie diesen Kubus. Statt Ruhe und Entspannung war da dieses schwere, dunkle Ding, das in ihrem Bauch sass und ihre Schwerkraft nach unten zog. Na Bravo, dachte sie. Statt einem Glücksgefühl ein schwarzes Etwas. Das also ist Yoga für mich. Sie ärgerte sich. Sie ärgerte sich über ihren Kopf, der so ganz anders dachte als er denken sollte, sie ärgerte sich über sich selbst, dass sie es nicht einfach ignorieren konnte, sie ärgerte sich über die Lehrerin mit dem goldenen Licht. Scheisse aber auch. Atmen hätte doch voll gereicht.

Als sie am Ende der Stunde auf dem Boden lag und sich entspannen sollte, fiel es ihr ein. Das schwarze Ding schien ein Kästchen zu sein. Ein geheimnisvolles Kästchen, das bestimmt viele wichtige Dinge barg, über die sie nachdenken sollte. Oder vielleicht nur ein wichtiges Ding, irgendetwas in ihrem Leben, ein Problem, das sie lösen sollte, eine unbeantwortete Frage, ein traumatisches Erlebnis, eine dunkle Zukunftsahnung. Sie lag da am Boden auf der Matte, alle anderen hatten wahrscheinlich eine nette, entspannende, spirituelle Stunde hinter sich. Sie hatte ein Kästchen.

Sie schleppte sich und das Kästchen in ihrem Bauch nach Hause und dachte darüber nach, wie sie es wieder loswerden könnte, ohne dem Geheimnis auf den Grund gehen zu müssen. Vielleicht könnte sie es ignorieren. Aber dafür war es zu schwer. Und zu undurchdringlich. Eine Materie wie Kryptonit. Vielleicht war es Kryptonit. Vielleicht stammte sie von weit her, von einem anderen Planeten und hatte das während dem meditativen Atmen und in sich gehen wie einen Geistesblitz erkannt. Sie konzentrierte sich auf das Kästchen. Keine Spur von Bewegung, die die Richtigkeit dieses Gedankens angezeigt hätte. Also, sie war weder Superwoman noch war es wahrscheinlich, dass sie von einem anderen Planeten stammte, auch wenn sie sich manchmal so fühlte.

Zuhause brühte sie sich einen Tee auf. Vielleicht klang diese spirituelle Stimmung ab, sie kam in der Realität an und das Kästchen würde von selber verschwinden. Man neigt ja dazu, sich beim Yoga irgendwie bewusstseinserweitert zu fühlen. Aber die Realität ihrer Wohnung schien ihr nicht realer als das Kästchen. Im Gegenteil. Je mehr sie es beobachtete, desto realer schien es ihr in ihren Gedanken.

Sie versuchte, es wegzuvisionalisieren. Sie setzte sich auf den Küchenstuhl, konzentrierte sich und versuchte, ganz langsam und behutsam, das Kästchen aus ihrem Bauch wegzudenken und es neben sich auf einen Stuhl zu denken. Wenn sie das denken konnte, dann konnte sie sich auch denken, das Kästchen zu öffnen und zu schauen, was denn so wichtig war, dass es sich in ihrem Bauch in der Yogastunde manifestierte. Zwar gelang es ihr, das Kästchen auf den Küchenstuhl neben ihr zu visualisieren, was sie schon als grossen Fortschritt empfand, aber öffnen konnte sie es nicht vor ihren inneren Augen. Wahrscheinlich war da etwas drin, das sie gar nicht wissen wollte. Bestimmt sogar. Wäre es etwas Gutes, dann müsste sie es ja nicht so wegsperren, psychologisch gesehen. Sie trank ihren Tee und dachte noch ein wenig über die Dinge nach, die sie alle nicht wissen wollte. Es waren einige, und sie mochte nicht zu lange darüber brüten, sie bekam davon schlechte Laune. Sie visualisierte das Kästchen an einen verlassen Strand auf den Malediven, obwohl sie noch nie auf den Malediven war, aber der Strand, den sie sich vorstellte, kam ihr vor wie ein Piratenstrand, und da passte ein so geheimnisvolles Kästchen ja schliesslich hin. Dann legte sie sich erst mal schlafen und hoffte, dass sich das Problem von selber lösen würde.

Am nächsten Morgen war das Kästchen, in ihren Gedanken, wieder auf dem Küchenstuhl. War vielleicht eine blöde Idee, das da hinzudenken gestern Abend, nun würde sie jedes Mal denken, das Kästchen sei da, wenn sie den Küchenstuhl sah. Und so war es auch. Bald waren es vier Tage her seit der Yogastunde und jeden Abend, wenn sie von der Arbeit nach Hause kam, war das Kästchen da. Sie visualisierte es mal hierhin, mal dorthin, aber eigentlich sass es immer auf dem Küchenstuhl. Schwarz, undurchdringlich und verschlossen.

Es machte sie ganz verrückt. Es war ein Obstakel. Das war es. Es stand ihr im Weg, es war sperrig, irritierend, ein Hindernis, das immer mehr zum Mittelpunkt der Küche wurde.

Am Wochenende setzte sie sich hin. Sie war entschlossen, nun ein für alle Mal darüber nachzudenken, was es mit diesem Ding auf sich hatte.

Vielleicht ein ungeborenes Kind? Vielleicht ein dunkler Tag in ihrer Kindheit? Vielleicht ein Problem, das sie mit einem anderen Menschen hatte? Vielleicht alles zusammen? Was würde passieren, wenn dieses Kästchen aufgehen würde? Was würde passieren, wenn sie den richtigen Gedanken hatte? Würde sich etwas lösen? Würde sie in ein schwarzes Loch stürzen? Würde sich ihr Leben von Grund auf ändern? Wollte sie das überhaupt? War sie dem gewachsen, was in dem Kästchen wartete? Lauerte? War es grösser als sie? War es Angst, die in dem Kästchen lag? Würde sie etwas einholen, überholen, überfallen?

Jeder Mut verliess sie. Sie starrte das Kästchen an. Sie würde nie mehr ins Yoga gehen. Nie mehr. Warum auch musste sie nach Glück streben! Zufriedenheit war doch auch schon gut genug für ein Leben von vielleicht 80 Jahren. Wenn sie Glück hatte. Ausgeglichenheit. Ruhe. Ausgewogenheit. Gleichgewicht. Da suchte sie das Glück und fand das Unwägbare. Die Bedrohung. Das Ungewisse. Das Gefährliche.

Plötzlich durchzuckte sie ein schrecklicher Gedanke. Vielleicht lag in dem Kästchen ihr Tod. Ihre Ende. Eine Vorahnung. Vielleicht lag darin das Verderben. Ihr Untergang und kaum würde es sich öffnen, würde es besiegelt sein. Sie würde auf der Stelle umfallen.

Wut kroch in ihr hoch. Wut darüber, wie sich sich überhaupt auf den Gedanken hatte einlassen können. Wie sie das Kästchen überhaupt in ihre Gedanken hatte lassen können. Warum hatte sie es nicht mit einem Schulterzucken abgetan. Schliesslich war es nichts als ein dummer Gedanke.

Energisch dachte sie sich das Kästchen in den hintersten Ecken ihres unaufgeräumten Schrankes, in eine schwarze Ecke, damit es unsichtbar wurde, verbannte es aus ihren Gedanken, liess es dort anwachsen, verwurzeln, damit sie es schnell vergessen würde. Da lag es und enthielt das Geheimnis ihres Lebens. Nie würde sie wissen, was es war.

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